Schulhaus

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Jahresbericht der Volksschule Nürnberg Ambergerstraße 25 (Beispielschule)
Schuljahr 51/52
Erstellt von Rektor Wilhelm Albert

1. Zusammensetzung:

21 Klassen mit 21 Lehrkräften, die zu Beginn des Schuljahres etwas über 950 Kinder betreuten. Durch Errichtung großer Wohnblocks an der Hohen Marter wuchs die Schülerzahl um rund 150 an, so dass die Klassen ungewöhnlich stark überfüllt wurden. Die ständig schwankende Schülerzahl, das Einfließen sehr vieler Flüchtlingskinder aus weit verzweigten Teilen Deutschlands erschwerten die schulische Arbeit außerordentlich, so dass viele und große Klagen von Seiten der Lehrer laut wurden. Gegen Weihnachten 51, als der Zustrom seinen Höhepunkt erreicht hatte, war das "Amberger Schulhaus" mit Ausnahme der kleinen Großreuther Schule (Wallensteinstraße, wo ähnlich unhaltbare Zustände herrschten) das stärkst belegte Schulhaus Nürnbergs - und damit auf keinen Fall mehr eine "Beispielschule".
Einige Klassenstärkenzahlen:
62 - 62 - 60 - 62 - 56 - 58 - 69 -71 (kurze Zeit einmal 73!)

Die drei 9. Klassen: Sie hielten sich bei den Knaben anfangs um 30, sanken dann, wie alljährlich, langsam ab und enden bei Schuljahrsschluss mit 24 und 17, während die 9. Mädchenklasse konstant so lange durchhielt, bis der unglücksselige 2.5.52 den Schülern der 8. Klasse den vorzeitigen Austritt aus der Schule gestattete, wodurch mehrere Mädchen der 9. Klasse mit in die Flucht aus der Schule gerissen wurden und die Jagd nach der Lehrstelle mitmachten, so dass am Jahresende nur noch 17 Mädchen von ursprünglich 25 die Schule besuchen.

2. Baulicher Zustand

Im ersten Viertel noch im Vorjahrszustand mit teilweise zerstörten Schulzimmern (3), 2 unbenützbaren Turnsälen usw.  Ein Gesuch des städtischen Schulamts, das nach Besprechungen mit Rektor Albert und anderen Lehrkräften an die Mc.Cloy-Spende ging, brachte den schönen Erfolg von einer Bauzuschussspende von DM 171.000,- , woran die Bedingung geknüpft war, aus stadteigenen Mitteln eine entsprechend große Summe bereitzustellen, um eine "Beispielschule" herzustellen. Der Besuch Mstr. Wehrs aus Frankfurt a.M. mit Herren des St. Schulamtes, der Schulverwaltung, des Hochbauamts in unserer Schule führte zu dem hoch erfreulichen Ergebnis, dass - nach längerem Zögern Mstr. Wehrs - der vorgesehene Betrag von DM 171.000,- zugesagt wurde (Mstr. Wehrs wollte anfangs das Geld nicht in den "alten Bau" von 1911 hineinstecken; wir sollten besser ein "neues Haus" bauen!).
Da die McCloy-Stiftung die Bedingung stellte, mit der Wiederinstandsetzung sofort zu beginnen und das Haus bis 30.6.52 fertig zu stellen, mussten die Arbeiten zu Beginn des Februar 52 einsetzen. Damit begann eine ganz ungewöhnlich schwierige und gefährliche Situation, die ein volles Halbjahr anhielt bis zum letzten Schultag. Es wurde der für Nürnberg einmalige Zustand heraufbeschworen, ein großes Schulhaus mit über 1000 Kindern und 21 Klassen inmitten des fortlaufenden Unterrichts von Grund auf umzugestalten.Sämtliche Klassen und Lehrer wurden in stärkste Mitleidenschaft gezogen. Mehr als 40-mal mussten die einzelnen Klassenzimmer gewechselt, die Stundenpläne geändert, Abteilungsunterricht, verkürzter Unterricht usw. gegeben werden. Zimmer und Gänge waren voll des Lärms und Staubs; Klopfen, Hämmern, Elektrobohrer dröhnten Ohren betäubend; der Lehrer verstand zuweilen das eigene Wort nicht mehr, die Klassen wurden unruhig, zerstreut, abgelenkt, die Kinder und Lehrer gleichermaßen nervös; an einen geregelten Unterricht war nicht mehr zu denken; die Räumung der Zimmer erfolgte in der Regel gleichzeitig in je einem Trakt durch 3 Stockwerke hindurch, so dass jeweils 3-4-5 Zimmer zugleich geräumt und neu verteilt werden mussten.

Jede Woche zeitigte neue Situationen, neue Stundenpläne; das Rektorat wurde zur Stundenplanfabrik am laufenden Band. Trotz dieser ungewöhnlichen Erschwerungen erwies sich die gesamte Lehrerschaft als durchaus verständnis- und einsichtsvoll und nahm diese Schwierigkeiten im Hinblick auf die Notwendigkeit und in Aussicht auf' ein zu erwartendes schöneres Schulhaus ohne Klagen und Murren hin; ein hocherfreuliches Ergebnis in Bezug auf kollegiales und soziales Verhalten der Gesamtlehrerschaft. Von der außergewöhnlichen Belastung des geschäftsführenden Rektors soll nicht gesprochen werden. Seine permanente Sorge war jedoch die: Wie bringen wir es fertig, bei diesem turbulenten Treiben von 20 - 30 - 40 Handwerksleuten, diesem Gewirr von aus den Zimmern in die Gänge gestellten Bänken, Tafeln, Pulten, den aufgerichteten Gerüsten, Stangen, Böcken, dem ununterbrochenen Fahren von Schubkarren inmitten des fortlaufenden Unterrichts ohne Unfall zum Jahresende zu gelangen. Zwei kleine Unfälle - ein Schüler- und ein Lehrerunfall - waren die Folgen dieses Bauens. Sehr erschwert wurde die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit durch die schwere Krankheit des Schulhausverwalters, der zeitweilig dienstunfähig, zeitweilig in Erholung war. Die Belastung des Rektors wuchs zuweilen ins Ungeheuerliche - sehr zum Schaden seiner 9. Knabenklasse, aus der er tagtäglich 2-3-4-5-6-mal zu Besprechungen, Beratungen vom Bauführer, den Geschäftsleuten usw. geholt wurde. - Eine blutjunge Praktikantin vor 15-jährigen Buben in der Pubertätszeit war keine leichte Sache! Ein im letzten Trimester eingesetzter flotter Praktikant erleichterte dem Rektor die Arbeit wesentlich.

Die Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt (Ob.B.H. Thimme, Bauführer Schmitt, Herrn Lampalzer, Planzeichner Kern, Herrn Lang vom El.) war erfreulich gut. Wenn nicht alle Wünsche der Schulleitung, die tatkräftig vor allem von den Herren Steger und Windisch, die sich als vorzügliche "Fachleute" erwiesen, unterstützt wurden, erfüllt werden konnten, so lag dies an den ständig wachsenden Baukosten. Vieles ursprünglich Geplante musste im Laufe der Arbeiten wieder gestrichen werden, vor allem gerade das, was für den inneren Schulbetrieb besonders erwünscht gewesen wäre. Nunmehr fließen nochmal beachtenswerte Geldmittel dem Bauvorhaben zu, so dass doch noch manches schon Gestrichene wieder auf den Plan gesetzt werden konnte. Bis zum Schulbeginn im Sept. 52 wird der Bau in der Hauptsache fertig gestellt sein, doch wird die Aula, die geplante "Volksbücherei", das Rektoratszimmer noch einige Zeit darüber hinaus beanspruchen, so dass auch das neue Schuljahr nicht sofort mit der notwendigen Ruhe einsetzen wird.


3. Innerer Schulbetrieb

Beispielhaft war er nicht und konnte es nicht sein. Im ersten Vierteljahr begannen wir, in monatlichen Besprechungen zu planen, zu beraten, Anregungen zu geben und zu nehmen. Nun setzten die Zuwanderungen (rd. 150 Kdr., Flüchtlinge!) ein; die homogenen Klassen wandelten sich teilweise stark; viele auswärtige Kinder waren leistungsmäßig stark zurück; sie mußten langsam angepasst werden und hätten im Laufe eines Vierteljahres sich wohl in die Klassengemeinschaften eingegliedert. Da begann der Bau und warf die begonnene Arbeit großenteils über den Haufen. Die verkürzte Arbeitszeit setzte ein (Zimmerwechsel!), die Unruhe wuchs, an eine geregelte Arbeit war kaum mehr zu denken.
Es erübrigt sich somit, dieses Jahr von besonderen schulischen Unternehmen, Vorhaben usw. näher zu berichten; man könnte nur Scheinberichte auffrisierter Art geben. Doch hoffen wir, im kommenden Jahr im dann wohlhergerichteten neuen Haus Gutes berichten zu können, namentlich dann, wenn, was diesmal besonders wichtig ist, unter den neu hinzu kommenden Lehrkräften recht viel tüchtige, begeisterte Leute sein werden.

Verfasst von  Rektor Wilhelm Albert
Rechtschreibung an die neue Rechtschreibung 2000 angeglichen